Deutschland erlebt den nächsten PISA-Schock. Die am Dienstag veröffentlichten Ergebnisse sind die schlechtesten, die je gemessen wurden. Zwei Probleme stechen hervor: Deutschlands Schülerinnen und Schülern fehlen grundlegende Kompetenzen und ihr Bildungserfolg hängt noch immer stark vom Elternhaus ab.
Die Basiskompetenzen von Kindern und Jugendlichen haben einen neuen Tiefstwert erreicht. Ein Drittel der deutschen Schülerinnen und Schüler unter 15 Jahren erreicht weder im Lesen noch in Mathe die Mindeststandards. Bei Naturwissenschaften ist es ein Viertel. Dabei sind diese Mindestniveaus bereits niedrig angesetzt. Kinder und Jugendliche sollen in der Lage sein, den Kerngedanken eines Textes zu erkennen oder etwa Preise in eine andere Währung umzurechnen.
In kaum einem anderen Land ist zudem die Bildungsungleichheit so groß. Zwischen den Leistungen sozioökonomisch begünstigter und benachteiligter Schülerinnen und Schüler liegen in den Naturwissenschaften vier bis fünf Schuljahre. Nur in Luxemburg und Sambia ist der Abstand größer. Während die sozioökonomische Ungleichheit international zurückgeht, verstärkt sie sich in Deutschland: Wer hier arm aufwächst, hat kaum eine realistische Chance auf Aufstieg durch Bildung.
Deutschland verschenkt sein Humankapital
Wenn ein Drittel der Schülerinnen und Schüler keine ausreichenden Grundkompetenzen in Lesen und Rechnen hat, hat das unmittelbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Im August 2026 blieben 116.000 Ausbildungsstellen unbesetzt, während 102.000 junge Menschen noch suchten. Das Handwerk spricht von einem „Matchingproblem": Wo Grundkenntnisse fehlen, kommen weniger Verträge zustande. Oder Betriebe müssen ihre Auszubildenden in Mathe und Deutsch selbst fitmachen.
Wer keinen Ausbildungsplatz findet, hat zurzeit kaum Chancen auf einen Job. Während zehn Millionen unausgebildete Menschen in einer Helfertätigkeit arbeiten oder eine suchen, gibt es überhaupt nur fünf Millionen solcher Arbeitsplätze.
Was das kostet, lässt sich beziffern. Der Rückgang bei den Grundkompetenzen seit 2022 entspricht laut ifo-Ökonom Ludger Wößmann langfristig drei bis vier Prozent geringeren Erwerbseinkommen, gegenüber 2018 sogar neun bis zehn Prozent. Das heißt auch Belastungen für den Staatshaushalt: weniger Steuereinnahmen, weniger Sozialbeiträge, höhere Transferbedarfe.
Deutschland vernachlässigt also seine wichtigste Ressource: kluge Köpfe. Ohne Trendumkehr bei den Bildungsleistungen von Kindern und Jugendlichen lässt die deutsche Wirtschaft jedes Jahr enorme Wachstumspotenziale liegen. Würden die Mindeststandards bei Lesen und Rechnen bis 2035 erreicht, könnte das Bruttoinlandsprodukt über die kommenden Jahrzehnte insgesamt um knapp 21 Billionen Euro höher liegen.
Was wir von England und Estland lernen können
Andere Länder zeigen, wie es besser geht. Das Vereinigte Königreich – allen voran England – hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Aufholjagd hingelegt. Estland, seit Jahren europäische Spitze bei der Bildung, schneidet auch dieses Mal wieder gut ab. In allen Bereichen liegt das Vereinigte Königreich rund 20 bis 30 Punkte über Deutschland, Estland sogar rund 40 Punkte. Besonders stark sind die Unterschiede bei der Bildungsungleichheit: Hier liegen englische und estnische Kinder aus benachteiligten Familien umgerechnet ein bis zwei Schuljahre vor Gleichaltrigen in Deutschland. Wie schaffen sie das?
In Estland hat frühe Bildung eine sehr hohe Priorität. Anders als in Deutschland gibt es dort ein einheitliches Bildungsprogramm mit eigenem Curriculum für Kinder im Alter von anderthalb bis sieben Jahren, an das die Schule direkt anschließt. Die Zuständigkeit für Kitas und Schulen liegt unter einem Dach, die Bildungskette wird ohne Brüche von Anfang bis Ende gedacht, geplant und gestaltet. In Deutschland liegen die Zuständigkeiten für Kitas, Schulen und Kinder- und Jugendhilfe verstreut bei Kommunen und Ländern; den Übergang verantwortet niemand so richtig.
England hat sich in den letzten Jahren auf zwei Dinge konzentriert: Lesen und Mathematik. Seit 2010 laufen systematische Programme wie „Maths Mastery" nach Shanghaier Vorbild. Beim Lesen setzte England konsequent auf die Phonics-Methode – hier werden Laute und Buchstaben systematisch zugeordnet. Für 2026 hat das Bildungsministerium zudem ein nationales Lesejahr ausgerufen. Außerdem fördert England gezielt Kinder aus benachteiligten Haushalten. Schulen erhalten für jedes anspruchsberechtigte Kind ein zusätzliches Budget, das Pupil Premium.
Es gibt auch deutsche Vorbilder
Erfolgsrezepte aus diesen Ländern lauten zusammengefasst: Bildung aus einem Guss über alle Altersstufen, Fokus auf Kompetenzen statt Zuständigkeiten (besonders in Mathe und Deutsch), überprüfbare Zielvorgaben, Förderung für Kinder, die nicht mitkommen, und Vorrang für die frühe Bildung. Das Geld folgt den Zielen.
Vieles davon ist auch in Deutschland möglich. Erste Schritte wurden gemacht. Bund und Länder haben im März eine Roadmap für bessere Bildung mit Fokus auf Grundkompetenzen beschlossen. Und das neue Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz stärkt die Sprachförderung in der frühen Bildung, wo der Hebel am größten ist.
Ein Positivbeispiel ist Hamburg. Der Stadtstaat hat sich durch konsequente Verbesserungen in vielen dieser Dimensionen von Platz 11 auf Platz 4 in Mathematik im Schulranking vorgearbeitet. Wie er das geschafft hat, lässt sich im Buch des ehemaligen Hamburger Schulsenators Ties Rabe nachlesen. Es geht um einen stärkeren Fokus auf die Schlüsselkompetenzen Mathe und Lesen, die Einführung regelmäßiger Feedbacks, kontinuierliche Lernstandskontrollen, weniger Unterrichtsausfall, Nachhilfe für alle, die sie brauchen, und ähnlich unrevolutionäre Vorhaben.
Rabe schätzt, dass seine Reformen auf ganz Deutschland ausgerollt, sechs bis sieben Milliarden Euro kosten. Selbst wenn es am Ende etwas teurer wird: Das ist dieselbe Größenordnung wie die neu eingeführte Stromnetzsubvention oder die Ausgaben für Munition pro Jahr.
Das Problem sind also nicht horrende Summen. Wenn es ein Geldproblem gibt, dann, dass vom Geld her gedacht wird. Was fehlt, ist ein bundesweit einheitliches Zielbild, das konsequent von allen Beteiligten mit den entsprechenden Maßnahmen verfolgt wird. Weiß man, was der Plan ist, wird eine Finanzierung zusammengebaut. Auch das ist nicht leicht im föderalen Finanzwirrwarr, aber mit dem entsprechenden Willen machbar.
Eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit
Deutschland gehört zu den zehn wohlhabendsten Staaten der Welt nach Pro-Kopf-Einkommen, Petrostaaten und Finanzzentren ausgenommen. Wir sollten nicht erwarten, eine solche herausragende Position halten zu können, ohne etwas besonders gut zu machen. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung oder gar die Senkung der Unternehmenssteuern wird nicht ausreichen, um Wettbewerbsfähigkeit in diesem elitären Club der wohlhabendsten Industrieländer zu erhalten. Um das zu schaffen, müsste man sich mit maximaler Konsequenz um den wichtigsten Input kümmern, den die deutsche Wirtschaft hat: ihr Humankapital.