Geldbrief
Dr. Max Krahé
01. Sep 2022

Winter is coming. Zur Inflation heute und morgen

Die Temperaturen kühlen ab. Die Inflation nicht. Willkommen zurück aus der Sommerpause. Am Dienstag hat das Statistische Bundesamt neue Inflationszahlen vorgelegt. Nach einem leichten Rückgang von Mai bis Juli ist der Verbraucherpreisindex (das offizielle Maß für Inflation in Deutschland) wieder auf eine jährliche Inflationsrate von 7,9% gestiegen.[^Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI, das offizielle Maß für Inflation das auf der europäischen Ebene verwendet wird; auf Englisch HICP, Harmonised Index of Consumer Prices) für Deutschland ist im letzten Monat um 0,4% angestiegen, auf eine jährliche Inflationsrate von 8,8%.] Handelt es sich dabei um einen Ausreißer oder um eine Trendumkehr? Was verheißen in diesem Kontext die neuesten Preisanstiege auf den Gas- und Strommärkten? In diesem Geldbrief analysieren wir die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts und wagen eine partielle Inflationsprognose für die nächsten Monate. Unser Ergebnis: Der Winter wird hart. Kurzfristig ist mit weiteren Inflationssteigerungen zu rechnen. Eine Rate von über 10% bis zum Jahresende ist nicht auszuschließen.

Die neusten Zahlen

Das Statistische Bundesamt hat vorgestern gemeldet, dass der Verbraucherpreisindex im August um 0,3% angestiegen ist. Im Vergleich zum Vorjahresmonat, sprich August 2021, betrug der Anstieg 7,9%.

Treiber dieses Anstiegs sind nach wie vor die Energiepreise, die sich im Jahresvergleich um 35,6% erhöht haben. Diese sind nun auch im Supermarkt angekommen: Lebensmittel haben sich im Vergleich zum August 2021 um 16,6% verteuert. Im Gegensatz dazu liegt die Inflation bei den Dienstleistungen gerade mal bei 2,2%.

Es handelt sich also nach wie vor um eine Inflation, die durch punktuelle (dadurch aber nicht weniger schmerzliche) Angebotsverknappungen vor allem im Energiebereich getrieben wird. Eine breite Überhitzung der Wirtschaft zeichnet sich bisher weder in der Kerninflation noch bei den Löhnen ab (Abbildung 1).

Abbildung 1

Prognose am aktuellen Rand

So viel zu den neusten Zahlen. Womit ist in nächster Zukunft zu rechnen? Könnte sich der August als Ausreißer herausstellen, gerade da die Inflation zwischen Mai und Juli von 7.9% auf 7.5% leicht abkühlte und die Industrie mittlerweile Gaseinsparungen von gut 20% erzielt hat? Oder ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen?

Zunächst: Das gestrige Auslaufen des 9-Euro-Tickets sowie des Tankrabatts dürften im nächsten Monat grob einen Prozentpunkt an Inflation hinzufügen. Die Bundesbank schätzte die inflationsbremsende Wirkung des 9-Euro Tickets auf ca. 0,7 Prozentpunkte im Juni. Sein Ende könnte daher einen einmaligen Anstieg in ähnlicher Höhe verursachen. Der Inflationseffekt des Auslaufens des Tankrabatts ist schwieriger zu schätzen. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass das Auslaufen 1-zu-1 weitergegeben wird, wäre mit einem Beitrag von grob 0,6 Prozentpunkten zu rechnen.1 Zusammengerechnet ergäbe sich ein Beitrag von 1,3 Prozentpunkten, der allerdings als grober Näherungswert zu verstehen ist.

Ein weiterer Faktor für die zukünftige Entwicklung sind die rasant ansteigenden Großhandelspreise für Erdgas (Abbildung 2).

Abbildung 2

Erdgasgroßhandelspreise schlagen jedoch nur verzögert auf Verbrauchspreise durch, da viele Privathaushalte und Gewerbekunden ein- oder zweijährige Verträge mit Preisgarantie haben und Gasversorger Preiserhöhungen auch erst schrittweise weitergeben. Industrieverbraucher sichern sich zudem direkt an den Terminbörsen ab. Bis die gestiegenen Großhandelspreise auf die Verbraucherpreise im Inflationsindex voll durchgeschlagen haben, wird also Zeit vergehen. Wir haben auf Basis der Großhandelspreise der Vergangenheit versucht abzuschätzen, in welche Richtung sich die Verbraucherpreise von morgen entwickeln könnten (Abbildung 3).2

Abbildung 3

Aufbauend auf dieser Projektion schätzen wir, dass gegen Ende des Jahres allein die Gaspreise zwischen zwei und drei Prozentpunkte zum VPI (und HICP) beisteuern könnten.3

Auch im Strommarkt gab es in letzter Zeit größere Preisbewegungen (Abbildung 4).

Abbildung 4

Kauft man heute Strom für zukünftige Zeitpunkte (mittels sogenannten Futures) müsste man für Strom im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 sogar bis zu 1.700€ pro MWh zahlen,4 mehr als das zehnfache von handelsüblichen Preisen noch vor wenigen Monaten. Dabei ist jedoch unklar, ob diese Preise belastbar sind oder das Ergebnis von dünnen Handelsvolumina und einer allgemein geringeren Bereitschaft, zu den gerade sehr hohen und volatilen Preisen Termingeschäfte abzuschließen. Wie sich der Strompreis weiterentwickelt ist heute schwer abzusehen. Bei Strom trifft wie bei Gas zu, dass die Marktpreise mit Verspätung bei den Haushalten ankommen. Die Dynamiken sind jedoch komplexer als beim Gas. Wir haben sie nicht zu unserer Zufriedenstellung modellieren können und unterlassen daher eine Projektion für sie.

Nichtsdestotrotz ist unser Fazit für die nächste Monate: Winter is coming. Bevor die Inflation abnimmt wird sie gegen Ende des Jahres erst noch steigen. Falls keine schnelle Entspannung auf den Energiemärkten stattfindet, erwarten wir — wie auch die Bundesbank5 — , dass sie im vierten Quartal die 10-Prozentmarke überschreiten könnte.

Dies bedeutet, dass weitere Maßnahmen schnellstmöglich vorbereitet werden sollten. Die Energiepreispauschale, die diesen September an alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ausgezahlt wird, ist ein guter erster Schritt. Sie erreicht aber nicht alle — erst recht nicht zeitnah — und ist sehr aufwändig in der Verwaltung. Sie sollte daher mit höchster Priorität und pragmatisch zu einem Energiegeld weiterentwickelt werden, das alle in Deutschland erreicht. Falls verteilungspolitisch gewünscht ist, die Unterstützung auf ärmere Haushalte zu konzentrieren, könnte das Energiegeld wie die Energiepreispauschale besteuert werden. Dadurch würden einkommensschwächere Haushalte den vollen Betrag erhalten, wohlhabendere Haushalte deutlich weniger. Ebenfalls scheint uns ein (hoher) Preisdeckel auf Energiepreise angemessen: Bei fünf- bis zehnfachen Anstiegen dürfte die Lenkungswirkung weiterer Anstiege begrenzt sein, gerade für Haushalte.6

Diese und weitere Maßnahmen bedürfen präziser Ausarbeitung. Angesichts der zu erwartenden Preisentwicklungen ist keine Zeit zu verlieren.

  1. Bei 1-zu-1 Weitergabe würde das Auslaufen der Steuersenkung zu einem Preisanstieg von ca. 35 Cent bei Benzin und ca. 17 Cent bei Diesel führen. Bei Preisen von ca. 1,80€ für Super-Benzin und ca. 2€ für Diesel im August entspräche dies einem Anstieg von knapp 20% bei Benzin, gut 8% bei Diesel. Da Super-Benzin und Diesel Anteile von ca. 26 und 9 Promille im VPI-Warenkorb haben, entspricht dies einem Beitrag von ca. 0,6 Prozentpunkten im VPI.
  2. Wir nehmen für unsere Projektion an, dass die Großhandelspreise von ihren heutigen Spitzen, teils deutlich über 250€ pro MW, bis Ende 2023 linear auf 200€ fallen.
  3. Um von den erwarteten Anstiegen im HICP-Erdgaspreisindex zum Inflationsbeitrag zu kommen, müssen die Anstiege mit der Gewichtung von Erdgas im Warenkorb multipliziert werden. Im HICP ist Erdgas mit 28,65 Promille gewichtet, im VPI mit 24,25, so dass ein 100-prozentiger Anstieg im HICP-Erdgaspreisindex 2,9 bzw 2,4 Prozentpunkte Anstieg im Gesamtindex verursachen würde.
  4. Peakload-Future für Q1 2023, Abrechnungspreis am 26.8.2022 an der EEX Börse in Leipzig. Am 31.8. war der Preis wieder auf 780€ pro MWh gefallen, was die extreme Volatilität der letzten Tage unterstreicht.
  5. Siehe den Bundesbank Monatsbericht August 2022, S. 10.
  6. Für industrielle Verbraucher kann ein hoher Preisdeckel gegebenenfalls sogar anreizsteigernd wirken, da er die Volatilität der Preise reduziert.
Content
  1. 1. Die neusten Zahlen
  2. 1.1 Abbildung 1
  3. 2. Prognose am aktuellen Rand
  4. 2.1 Abbildung 2
  5. 2.2 Abbildung 3
  6. 2.3 Abbildung 4
View
All
Text
Images

Related articles