Geldbrief
Dr. Max Krahé
24. März 2022

Ölkrise 3.0? Eine Mehrkostenschätzung der Energiepreisanstiege

Die Energiepreise sind gestiegen. Die dadurch verursachten Mehrkosten in den kommenden Jahren im Vergleich zu 2019 belaufen sich unserer Schätzung nach auf rund 90 (2022) und 150 Mrd. Euro (2023) oder 2,3% und 3,7% des BIPs. Dabei fallen insbesondere die für 2023 erwarteten Preisanstiege bei Erdgas und Strom ins Gewicht. Neben kurzfristiger ad hoc Unterstützung bedarf es daher zielgerichteter Politikmaßnahmen für besonders betroffene Haushalte und Unternehmen, die auch über längere Zeit finanzierbar sind.

Die Energiepreise sind gestiegen. Diesen Montag kostete der Liter Benzin (Super E10) gut zwei Euro in Berlin. 2019 — vor der Pandemie — waren es 1,41 € oder knapp 30 % weniger.

Doch der Benzinpreis ist nur einer von vielen Energiepreisen. Diesel, Super, Strom; Erdgas, Heizöl, Fernwärme; Großhandelspreise und Verbraucherpreise, Spotpreise und Futures: Hier und anderswo schlagen sich die Ereignisse der letzten Monate nieder. Und während Ölpreisanstiege schnell an der Tankstelle sichtbar werden, dauert es bei anderen Energiepreisen, insbesondere bei Gas und Strom, teils deutlich länger, bis eine Veränderung des Marktgleichgewicht im gesamten Preisgefüge angekommen ist.

Wie groß sind also die Mehrkosten, die in der nächsten Zeit aufgrund der gestiegenen Energiepreise auf Verbraucherinnen und Verbraucher zukommen? Dieser Frage haben sich Janek und Philippa in unserem jüngsten Papier gewidmet. Aufbauend auf marktimpliziten Preiserwartungen und historischen Verbrauchszahlen, haben die beiden eine Überschlagsrechnung durchgeführt.1

Marktimplizite Preiserwartungen signalisieren hohe Mehrkosten

Das Ergebnis: die zu erwartenden Mehrkosten sind erheblich. Im Vergleich zu 2019 könnten sie sich in den nächsten zwei Jahren auf 66 bis 110 Mrd. (2022) bzw. 100 bis 193 Mrd. Euro (2023) belaufen. Dies entspricht 1,7% bis 2,9% (2022) sowie 2,5% bis 4,9% (2023) des BIPs. Wichtig dabei ist, dass das Gros der Mehrbelastungen erst im Laufe des Jahres bzw. im nächsten Jahr auftreten könnte. Möglicherweise gilt: We ain’t seen nothing yet.

Abbildung 1 zeigt das Basisszenario und verdeutlicht, dass gerade die Gas- und Strommehrkosten im Jahr 2023 schwer zu Buche schlagen könnten.

Abbildung 1

Die geschätzten Mehrkosten verteilen sich auf Haushalte sowie gewerbliche und industrielle Verbraucher. Wird der Haushaltsanteil der Strommehrkosten gleichmäßig auf die circa 40 Millionen Haushalte in Deutschland verteilt, würden sich die Preisanstiege in zusätzlichen Kosten von circa 220 Euro (2022) und 470 Euro (2023) pro Haushalt niederschlagen. Für die 48 % aller deutschen Haushalte, die mit Gas heizen, würden zusätzliche Mehrkosten von 440 Euro (2022) und knapp 900 Euro (2023) entstehen. Dies sind einfache Durchschnittswerte. Nachzahlungen von mehreren Tausend Euro könnten daher keine Seltenheit werden, gerade für mehrköpfige Familien sowie Haushalte in schlecht isolierten Häusern und Wohnungen.

Innerhalb der Industrie steht insbesondere die energieintensive Grundstoffindustrie vor großen Herausforderungen. Kurzfristig kann durch die Substitution von Erdgas mit Ersatzbrennstoffen wie Kohle, Biomasse oder Öl Kosten eingespart werden. Doch dies ist nur begrenzt und nur für manche Anwendungen möglich. Für die stoffliche Nutzung von Erdgas gibt es zudem kurzfristig meist keine Alternativen. Können die Energiemehrkosten nicht an Kunden weitergegeben werden, droht in der aktuellen Situation Produktionsrückgang und -stillstand, mit ungewissen Auswirkungen auf Wertschöpfungsketten. Zumindest in Teilen waren 2021 jedoch beträchtliche Preissteigerungen möglich, die Unternehmen trotz steigender Inputpreise steigenden Profit ermöglichten.2 Eine differenzierte Betrachtung erscheint daher wichtig, damit besonders betroffene Branchen gezielt unterstützt werden können.

Auch bei vorsichtiger Einordnung: politischer Handlungsbedarf

Diese Ergebnisse sind vorsichtig einzuordnen. Es handelt sich um eine Überschlagsrechnung, keine Prognose. Sie schätzt die Verbraucherkosten, nicht den Verlust an volkswirtschaftlicher Wertschöpfung, sprich es ist keine volkswirtschaftliche Gesamtkostenschätzung. Und die Abschaffung der EEG-Umlage,für Juli beschlossen, wird in unseren Schätzungen nicht berücksichtigt.

Dennoch: Die Schätzungen machen klar, dass in den nächsten zwei Jahren ein erheblicher Kostenschock auf viele Verbraucherinnen zukommt. Zum Vergleich: In der ersten Ölkrise, als sich der Ölpreis fast über Nacht vervierfachte, fielen Mehrkosten in Höhe von nur ca. 1,4 % des damaligen BIPs an (1974 im Vergleich zu 1973), deutlich unterhalb der hier geschätzten Mehrkosten.

Um mögliche wirtschaftliche und soziale Instabilitäten abzufedern, dürfte es daher entscheidend sein, sowohl die Anpassung an gestiegene Energiepreise als auch die Finanzen besonders betroffener Verbrauchsgruppen zu unterstützen. Dabei gilt es die wirtschaftlichen Schutzmaßnahmen so zu strukturieren, dass Anreize zur Substitution und Einsparung fossiler Energien möglichst minimal oder gar nicht geschwächt werden, bedürftige Haushalte und Unternehmen dennoch finanziell abgesichert sind. Vor diesem Hintergrund scheinen zum Beispiel auch mittelfristig ein Energie– oder Mobilitätsgeld oder vergünstigte ÖPNV Tickets vielversprechend, eine längerfristige Absenkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe hingegen kontraproduktiv.

Noch ein zweiter Punkt folgt aus den Zahlen: Da der Kostenschock bei Strom und Gas vermutlich erst 2023 voll durchschlägt, gilt es über Finanzierungsmöglichkeiten nachzudenken, die die entsprechenden Maßnahmen auch mittelfristig tragbar machen. Diese könnten strukturelle Veränderungen in der Finanzpolitik erfordern.

In jedem Fall gilt: die Energie-Mehrkosten der kommenden Jahre stellen eine Herausforderung dar, die sich laut Markterwartungen noch erheblich zuspitzen wird. Eine gründliche Vorbereitung relevanter Politikmaßnahmen wäre keine vergeudete Zeit.

Das vollständige Papier mit ausführlicher Beschreibung der Methodik sowie weiter aufgeschlüsselten Ergebnissen findet sichhier.

  1. Die methodologischen Details finden sich im Papier. Vereinfacht gesprochen wurde für die Verbrauchsmengen angenommen, dass es leichte Rückläufe im Rahmen kurzfristiger Minderungspotenziale für Erdgas gibt, der Verbrauch von Strom und Mineralöl hingegen stabil bleibt, da hier Verbrauchssteigerungen aufgrund wachsender Elektrifizierung (Strom) und Substitution für Erdgas (Mineralöl) gegen Vebrauchsreduktionen aufgrund der Preisanstiege laufen. Die jeweiligen Preise wurden auf Grund von Futures berechnet, wobei für Mineralöle der jeweilige Spotpreis benutzt wurde, für Erdgas und Strom (wo Verbrauchspreise oft nur langsam an wechselnde Großhandelspreise angepasst werden) ein gleitender Durchschnitt. Wo der gleitende Durchschnitt sich auf historische Daten bezieht wurden diese benutzt.
  2. So zum Beispiel bei Covestro und BASF. In den letzten Wochen schienen auch Raffineriebetreiber durch Preissteigerungen deutliche Mehrgewinne erzielen zu können.
Inhalt
  1. 1. Marktimplizite Preiserwartungen signalisieren hohe Mehrkosten
  2. 1.1 Abbildung 1
  3. 2. Auch bei vorsichtiger Einordnung: politischer Handlungsbedarf
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