Geldbrief
Felix Heilmann
30. Juli 2026

Unsere Leseempfehlungen für die Sommerpause

Die Sommerzeit bietet Gelegenheit, etwas Abstand und neue Perspektiven zu gewinnen. Neben dem Reisen ist das Lesen eine der besten Möglichkeiten dafür. In diesem Geldbrief teilen wir Leseempfehlungen aus unserem Team – ob für den Strand, die Berghütte oder den Abend im Stadtpark. Damit verabschieden wir uns auch in die Sommerpause; der nächste Geldbrief erscheint am 27. August 2026. Wir wünschen Ihnen und Euch einen erholsamen Sommer!

Die Zeiten, in denen die politischen Debatten in den Sommermonaten spürbar ruhiger wurden und sich um vermeintliche Löwinnen oder entlaufene Kaimane drehten, sind leider vorbei – zu dicht ist die Krisenlage zwischen Kriegen, Klimafolgen wie Waldbränden und innenpolitischen Rochaden. Doch gerade in einer atemlosen Weltlage kann es wertvoll sein, durchzuatmen und einen Schritt zurückzutreten, um neue Ideen und Elan zu gewinnen. In diesem Geldbrief haben wir Lesevorschläge aus unserem Team zusammengestellt, um Ihnen und Euch hierfür Anregungen zu bieten.

Bücher

Wir beginnen mit zwei Büchern, die sich direkt um das Thema drehen, das sich jeden Tag durch unsere Arbeit zieht, das Leben von Milliarden Menschen prägt und auch diesem Newsletter seinen Namen gibt: Geld.

Wie viel: Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht, von Mareice Kaiser (Rowohlt). Mareice Kaiser erzählt ihre eigene Geldgeschichte und spricht mit Menschen vom Pfandflaschensammler bis zur Multimillionärin darüber, wie viel Geld genug ist, ob Geld glücklich macht und wie es gerechter verteilt werden könnte. Anhand dieser Begegnungen zeigt sie, wie tief Geld unser Leben und Zusammenleben bestimmt – und wie ungerecht diese Struktur oft ist. Ein empathisches Buch, das mit seinen persönlichen Geschichten dazu anregt, neu über Klassismus und Geld nachzudenken.

Das können wir uns nicht leisten, von Miriam Davoudvandi (btb Verlag). Ehrlich und berührend erzählt Miriam Davoudvandi, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Dabei blickt sie nicht nur auf die offensichtlichen Schauplätze von Armut, sondern auch auf Aspekte wie Dating, Freundschaften, Familiengründung und Psyche, auf die Bedeutung des Fernsehers und das Leben als erste Studierende der Familie.

Weiter geht es mit drei Romanen, die zeigen, wie sehr Beziehungen und Lebensentscheidungen von den Systemen geprägt werden, in denen sie stattfinden – vom polnischen Spätsozialismus über das Silicon Valley bis hin zu den Folgen eines Umzugs aufs Land.

Im Wasser sind wir schwerelos (Swimming in the Dark), von Tomasz Jedrowski (Hoffmann und Campe). Polen, 1980: Ludwik und Janusz verlieben sich bei der Pflichtarbeit im Landwirtschaftslager. Doch zurück in Warschau zeigt sich der Preis dafür: Wer aufsteigen will, macht sich der Partei nützlich, wer sichtbar wird, macht sich erpressbar. Ein zärtlicher Roman über queeres Leben im Spätsozialismus, der sich gerade deshalb gegenwärtig anfühlt, weil er zeigt, was Menschen mit sich selbst aushandeln, um in feindseligen Systemen zu bestehen.

Morgen, morgen und wieder morgen (Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow), von Gabrielle Zevin (Eichborn). Sadie und Sam, beste Kindheitsfreunde, verlieren sich aus den Augen und treffen sich Mitte der 90er zufällig in der U-Bahn wieder. Aus der Freundschaft wird eine kreative Partnerschaft: Gemeinsam entwickeln sie Videospiele, gründen ein eigenes Studio und landen einen überraschenden Hit. Ein Roman über Kreativität, Liebe und die Frage, was von Freundschaft im Kapitalismus bleibt. Nicht nur für Gaming- und Wirtschafts-Nerds eine Empfehlung!

Heimat, von Hannah Lühmann (hanserblau). Als Jana mit ihrer Familie aufs Land zieht, entdeckt sie hinter der bürgerlichen Fassade ihrer Nachbarin Karolin ein zutiefst konservatives Weltbild: gelebt als moderne „Tradwife“, kämpfend gegen alles, wofür Jana eigentlich steht. Sie versucht, sich gegen ihre Faszination zu wehren, und ertappt sich doch immer wieder bei dem verstörenden Gedanken, dass sie Karolin um ihr Leben beneidet. Ein spannend erzähltes Buch über die gefährliche Verführungskraft ultrakonservativer Lebensmodelle – und darüber, wie Frauen zerbrechen, wenn sie alles gleichzeitig sein sollen: Fürsorgliche Mutter, erfolgreiche Karrierefrau, liebevolle Partnerin und selbstständiges Individuum.

Die nächsten drei Romane erzählen von Frauen, die gegen Rollen und Schweigegebote aufbegehren, die ihnen von Gesellschaft oder Staat auferlegt wurden – in zwei unterschiedlichen Kapiteln der deutschen Vergangenheit und in einem Gedankenexperiment.

Die Möglichkeit von Glück, von Anne Rabe (Klett-Cotta). Stine wächst Mitte der 80er Jahre an der ostdeutschen Ostsee auf – zu jung, um den Systemwechsel in der DDR zu begreifen, doch die ideologischen Prägungen ihrer Familie wirken in ihr fort. Der Roman erzählt auf bewegende Weise von den Auswirkungen autoritärer Systeme auf den familiären Alltag und davon, welche Spuren das hinterlässt – besonders, wenn über diese Wunden nicht gesprochen wird. Gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen im Herbst ist dies eine gewinnbringende Lektüre.

Aus guter Familie, von Gabriele Reuter (Reclam). Das Buch erzählt vom bürgerlichen Ideal der „höheren Tochter“ im Kaiserreich: Agathe Heidling wächst behütet auf und wartet auf eine standesgemäße Ehe, die ausbleibt. Ohne Beruf, Bildung oder eigenes Einkommen bleibt ihr nur ein Leben in erzwungener Untätigkeit. Der Roman von 1895 gilt als scharfe Anklage der bürgerlichen Mädchenerziehung und wurde zu einem der einflussreichsten Texte der frühen deutschen Frauenbewegung.

Und alle so still, von Mareike Fallwickl (Rowohlt Verlag). Was, wenn Frauen sich plötzlich verweigern? An einem Sonntag im Juni legen sich Frauen reglos auf die Straße; ihre Arbeit bleibt aus – und die Gesellschaft gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Ein feministischer Gesellschaftsroman über Care-Arbeit, Geschlechterrollen und Solidarität.

Zum Abschluss unserer Buchempfehlungen noch drei Sachbücher, die den Blick weiten: darauf, was ein Pilz und sein globaler Handel über das globale Wirtschaftssystem verraten, auf Mechanismen des neuen Faschismus und auf die Rolle der Frauen im Wettlauf ins All.

Der Pilz am Ende der Welt: Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus (The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins), von Anna Lowenhaupt Tsing (Matthes & Seitz Berlin). Der Matsutake-Pilz wächst gerade in vom Menschen zerstörten Wäldern – und wird zur Metapher für Leben und Überleben in einer zerstörten Umwelt. Tsing zeigt, wie Wertschöpfung auch jenseits von Fortschrittsnarrativen und stabilen Ökosystemen möglich ist.

Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus, von Eva von Redecker (S. Fischer Verlag). Eva von Redecker kritisiert, dass die Debatte, ob heutige Entwicklungen als Faschismus bezeichnet werden können, oft auf Checklisten mit typischen Merkmalen zurückgreift. Stattdessen setzt sie auf den Begriff der „Phantombesitzverteidigung“: Menschen verteidigen aggressiv, was ihnen vermeintlich gehört – von „meiner Frau“ bis zu „mein Platz in der globalen Hierarchie“. Dieses verzerrte, nach rechts gedrehte Verständnis von Eigentum ist laut von Redecker der Kern des neuen Faschismus.

Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures: The American Dream and the Untold Story of the Black Women Who Helped Win the Space Race), von Margot Lee Shetterly (HarperCollins). Bevor Neil Armstrong den Mond betrat, berechneten „Human Computers“ mit Bleistift und Papier die Flugbahnen dafür – unter ihnen eine Gruppe afroamerikanischer Frauen, getrennt von ihren weißen Kolleginnen. Shetterly verwebt die große Geschichte der Raumfahrt mit den persönlichen Geschichten von fünf Frauen, deren Arbeit die Welt für immer verändert hat. Auch nach der Verfilmung lohnt sich das Buch ganz besonders, da es ein weitaus detailliertes Bild der strukturellen Diskriminierung und der Geschichte der Protagonistinnen liefert.

Blogs

Zum Abschluss noch drei Blogs und Magazine für alle, die zwischendurch gerne zu kürzeren Texten greifen:

  • In ihrem persönlichen Newsletter Meditations in an Emergency schreibt Rebecca Solnit über die politische Lage und die Klimakrise in den USA und darüber hinaus. Ihre Ausgangsthese ist, dass die Art, wie wir über Politik und Krisen sprechen, mitentscheidet, ob wir handlungsfähig bleiben oder resignieren. Angereichert ist das Blog mit prägnanten, oft persönlichen Beobachtungen zum Leben mitten in der Krise.
  • Im Online-Magazin Works in Progress vertreten die Autor:innen die These, dass schnelleres Wachstum, mehr Forschung und weniger Regulierung die zentralen Hebel für gesellschaftlichen Fortschritt sind – in gut recherchierten, oft historisch erzählten Essays. Auch wenn wir nicht alle Annahmen teilen, liefern die Texte Argumente für gute Auseinandersetzungen.
  • In seinem Blog Apricitas Economics schreibt Joseph Politano datenreich über Geldpolitik, Arbeitsmärkte und die US-Wirtschaft – kompakte, gut verständliche Analysen auch für Leser:innen ohne volkswirtschaftlichen Hintergrund.

Wir hoffen, dass die eine oder andere Empfehlung für Sie und Euch dabei war. Bis spätestens zum 27. August – und einen erholsamen Sommer!

Inhalt
  1. 1. Bücher
  2. 1.1
  3. 1.2
  4. 1.3
  5. 1.4
  6. 2. Blogs
Ansicht
Alles
Text
Abbildungen

Medienerwähnungen und Auftritte

Gastbeitrag
30. Juli 2026
Wirtschaftsdienst
Es braucht neue Antworten zur Ausgestaltung der Schuldenregel, zum effizienten Mitteleinsatz und zu möglichen Steuererhöhungen.

Dr. Florian Schuster-Johnson hat einen Gastbeitrag "Bundeshaushalt 2027: Ein neuer Realismus" veröffentlicht.

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